Lenis Traumwelt
Leni steht mit Oskar, Ellen und Thea in warmen Jacken am Deck des Weltreiseschiffs, während in einem stillen Fjord eine Walmutter mit ihrem Kalb im goldenen Abendlicht auftaucht.

ca. 13 Min. · 1.941 Wörter

0:00 / 0:00mp3
txt

Leni und der Walgruß im stillen Fjord

Am späten Nachmittag fuhr das große Weltreiseschiff langsamer als sonst.

Leni merkte es an der Tasse auf dem kleinen Kabinentisch. Das Wasser darin zitterte nicht mehr. Es lag glatt und still, als würde sogar die Tasse lauschen.

Leni kniete auf der Bank am runden Fenster. Draußen ragten hohe Berge aus dem Wasser. Ihre Spitzen trugen weiße Schneemützen, obwohl unten an den Hängen grüne Wiesen leuchteten. Zwischen den Bergen zog sich das Meer wie ein langer, dunkelblauer Weg.

„Ein Fjord“, sagte Papa und setzte sich neben sie. „Das ist ein schmaler Meeresarm zwischen hohen Bergen.“

Leni probierte das neue Wort leise aus. „Fjord.“

Es klang kurz und rund. Fast wie ein Stein, der sanft ins Wasser plumpste.

Mama hielt Lenis lila Jacke hoch. „Auf dem Deck ist es kühl. Möchtest du schauen, wie wir hineinfahren?“

Leni nickte sofort. Sie zog die Jacke an, nahm Teddy unter den Arm und lief mit Mama und Papa nach oben.

Auf dem Aussichtsdeck warteten schon Oskar, Ellen und Thea. Oskars dunkle Locken lugten unter einer blauen Mütze hervor. Ellen trug ihr Fernglas um den Hals. Thea hatte ihre kleine Decke wie einen Schal um die Schultern gelegt.

„Leni!“, rief Oskar. „Hier sollen Wale sein!“

Ellen hob ihr Fernglas. „Vielleicht sehen wir eine Rückenflosse.“

Thea zeigte auf das Wasser. „Oder einen riesigen Puster.“

Leni stellte sich auf die Zehenspitzen. Der Fjord lag so ruhig da, dass er die Berge spiegelte. Ein paar Wolken schwammen darin verkehrt herum. Weiter vorn fiel ein dünner Wasserfall wie ein silbernes Band von einem Felsen.

Aber ein Wal war nirgends zu sehen.

„Vielleicht kommt gleich einer“, sagte Leni.

Die vier Kinder schauten nach links.

Sie schauten nach rechts.

Sie schauten geradeaus.

Oskar entdeckte einen schwarzen Punkt und rief: „Da!“

Doch der Punkt breitete seine Flügel aus und flog davon.

„Nur ein Vogel“, sagte Ellen.

„Ein sehr guter Vogel“, sagte Thea. „Aber kein Wal.“

Sie warteten weiter.

Das Schiff glitt zwischen den Bergen hindurch. Sein Motor brummte so leise, als hätte jemand eine dicke Decke darübergelegt. Am Ufer standen kleine rote Häuser. Dünner Rauch stieg aus einem Schornstein. Auf einer Wiese grasten drei Ziegen.

Leni sah alles. Trotzdem suchten ihre Augen immer wieder das Wasser ab.

„Wann kommen die Wale?“, fragte sie Papa.

Papa legte einen Arm um sie. „Das wissen nur die Wale.“

„Können wir sie rufen?“, fragte Oskar.

Er beugte sich ein kleines Stück über das Geländer und rief: „Haaallo, Waaale!“

Seine Stimme hüpfte von einem Berghang zum anderen.

Hallo, Wale ... Wale ... Wale ...

Thea kicherte. „Die Berge antworten.“

Eine Frau in einer grünen Jacke kam über das Deck. Neben ihr ging ein Mädchen, das ungefähr so groß wie Ellen war. Es trug eine rote Strickmütze und hielt ein kleines Notizbuch fest.

„Die Berge mögen Stimmen“, sagte das Mädchen. „Aber Wale kommen nicht, wenn man sie ruft.“

Oskar wurde ein bisschen rot. „Ich wollte nur freundlich sein.“

„Das warst du“, sagte das Mädchen. „Ich heiße Liv. Ich wohne dort drüben.“ Sie zeigte auf die roten Häuser am Ufer. „Meine Mama arbeitet heute auf dem Schiff.“

Die Frau in der grünen Jacke winkte. „Ich bin Ingrid. Willkommen in unserem Fjord.“

„Ich bin Leni“, sagte Leni. „Und das sind Oskar, Ellen und Thea.“

Thea hob Teddy ein wenig an. „Und Teddy schaut auch.“

Liv zeigte ihr Notizbuch. Auf dem Einband war ein kleiner Wal gemalt. „Ich schreibe auf, was ich höre, wenn ich nach Walen Ausschau halte.“

Leni blinzelte. „Was du hörst? Man schaut doch nach Walen.“

„Man kann auch auf sie lauschen“, erklärte Liv. „Wenn ein Wal Luft holt, macht es puh. Manchmal hört man ihn, bevor man ihn sieht.“

Oskar hielt beide Hände hinter die Ohren. „Dann bin ich jetzt ganz Ohr.“

Alle wurden still.

Zuerst hörte Leni nur den leisen Schiffsmotor.

Brummmmmm.

Dann hörte sie Wasser an der Schiffswand.

Schsch. Schsch.

Pipo hätte die Vögel bestimmt verstanden, dachte sie, als über ihnen zwei Möwen riefen. Doch heute war Leni mit ihren Weltreisefreunden unterwegs. Also lauschte sie selbst ganz genau.

Vom Felsen kam das ferne Rauschen des Wasserfalls.

Aus einem Tau am Mast klang ein sanftes Tick.

Theas Decke raschelte im Wind.

Ellen flüsterte: „Ich höre ganz viel. Aber noch kein Puh.“

Liv schlug ihr Notizbuch auf. „Dann machen wir eine Hörkarte.“

Auf eine leere Seite malte sie in die Mitte einen kleinen Kreis. „Das ist unser Schiff.“

Ellen zeichnete rechts daneben drei Wellen für das Wasser.

Oskar malte oben zwei Bögen für die Möwen.

Thea setzte links einen langen Strich für den Wasserfall.

Leni malte am Rand ein winziges Haus mit einer Rauchwolke.

„Den Rauch kann man nicht hören“, sagte Oskar.

„Nein“, sagte Leni. „Aber vielleicht knackt dort ein Feuer.“

Liv nickte. „Auf einer Hörkarte darf auch stehen, was man sich ganz leise vorstellt.“

Das gefiel Leni.

Sie warteten und lauschten. Die Karte füllte sich mit kleinen Bildern. Ein Segelboot bekam ein Flapp-flapp. Eine Ziege am Ufer bekam ein sehr fernes Mäh. Ein Tropfen, der vom Dach des Aussichtsdecks fiel, bekam ein Plipp.

Nur der Platz für den Wal blieb leer.

Nach einer Weile seufzte Oskar. „Vielleicht kommen heute keine Wale.“

Ellen nahm das Fernglas herunter. „Meine Augen sind schon müde vom Suchen.“

Thea kuschelte ihr Kinn in die Decke. „Mein Warten ist auch müde.“

Leni verstand das. In ihrem Bauch hatte die Vorfreude zuerst wie ein fröhlicher Ball gehüpft. Nun fühlte sie sich eher wie ein Ball, aus dem ein bisschen Luft entwichen war.

Liv klappte das Notizbuch nicht zu. „Mein Opa sagt: Warten ist nicht leer. Es ist ein Schälchen. Manchmal legt die Welt erst viele kleine Dinge hinein, bevor das große kommt.“

Thea sah auf ihre Hände. „Ich habe kein Schälchen.“

Liv lachte leise. „Dann nehmen wir unsere Hände.“

Sie formte beide Handflächen zu einer kleinen Schale. Die anderen machten es nach.

„Was liegt schon in unserem Warteschälchen?“, fragte Liv.

„Der Wasserfall“, sagte Ellen.

„Die drei Ziegen“, sagte Oskar.

„Das Plipp vom Dach“, sagte Thea.

Leni schaute auf den Fjord. Das Abendlicht war inzwischen weicher geworden. Es lag golden auf den grünen Hängen und malte helle Streifen aufs Wasser.

„Die Wolken, die im Wasser schwimmen“, sagte sie.

„Und neue Freunde“, ergänzte Mama, die ein paar Schritte hinter ihnen stand.

Liv lächelte.

Das Warteschälchen fühlte sich plötzlich gar nicht mehr leer an.

Ingrid kam zu den Kindern. „Wir erreichen gleich die ruhigste Stelle des Fjords. Der Kapitän lässt das Schiff dort für einen Moment fast nur gleiten.“

„Damit wir besser hören können?“, fragte Leni.

„Genau“, sagte Ingrid. „Und damit wir die Tiere nicht stören.“

Das Brummen des Motors wurde noch leiser.

Brummm.

Brumm.

Dann blieb nur ein tiefer Ton übrig, kaum lauter als ein zufriedenes Schnurren.

Niemand auf dem Deck rief mehr. Auch die Erwachsenen sprachen nur noch flüsternd. Der Fjord wurde so still, dass Leni ihren eigenen Atem hören konnte.

Ein.

Aus.

Ein.

Aus.

Ein kleiner Wind strich über das Wasser. Er kräuselte die Spiegelbilder der Berge. Dann legte er sich wieder schlafen.

Leni lauschte.

Schsch, machte das Wasser.

Rausch, machte der Wasserfall.

Flapp, machte eine Möwe.

Und dann kam ein Geräusch, das auf ihrer Hörkarte noch fehlte.

Puhhhhh!

Leni hob den Kopf.

Ellen riss das Fernglas hoch.

Oskar zeigte nach vorn, sagte aber kein Wort.

Thea hielt vor Staunen den Rand ihrer Decke fest.

Mitten auf dem glatten Wasser stand für einen Augenblick eine weiße Atemwolke. Darunter erschien ein dunkler, runder Rücken. Er glitt aus dem Fjord, glänzte im Abendlicht und verschwand wieder.

„Ein Wal“, flüsterte Leni.

Neben dem großen Rücken tauchte ein kleinerer auf.

Puh!

„Und ein Walbaby“, hauchte Thea.

Die Walmutter und ihr Kalb schwammen nicht dicht an das Schiff heran. Sie blieben weit genug entfernt, dass der Fjord zwischen ihnen ruhig blieb. Erst erschien ein Rücken, dann der andere. Zwei weiche Bögen im goldenen Wasser.

Ellen reichte Leni das Fernglas. Leni sah die glatte Haut der Walmutter und den kleinen Atem des Kalbes. Sie sah, wie beide gleichzeitig abtauchten.

Einen Moment später hob die Walmutter ihre breite Schwanzflosse aus dem Wasser. Tropfen fielen davon herab wie silberne Perlen.

Dann war sie verschwunden.

Leni wartete auf Enttäuschung. Doch sie kam nicht. Das kurze Auftauchen fühlte sich nicht zu kurz an. Es fühlte sich genau richtig an, als hätte der Wal ihnen einen stillen Gruß dagelassen.

Liv malte zwei Bögen auf den freien Platz der Hörkarte. Darüber schrieb sie: Puh.

„Jetzt ist sie voll“, sagte Oskar.

Liv schüttelte den Kopf. „Eine gute Hörkarte wird nie ganz voll. Morgen klingt der Fjord wieder anders.“

„Vielleicht macht der Regen dann trippeltrappel“, sagte Thea.

„Oder der Wind heult um die Felsen“, sagte Ellen.

Oskar formte wieder die Hände zu einem Schälchen. „Heute liegen zwei Wale darin.“

„Und alles, was vorher da war“, erinnerte Leni ihn.

Die Kinder betrachteten die Hörkarte. Liv riss sie vorsichtig aus dem Notizbuch und teilte sie in vier Streifen. Auf jedem Streifen blieben ein paar Bilder und ein Stück vom Walgruß.

„Damit jeder etwas mitnehmen kann“, erklärte sie.

Oskar bekam die Möwen und einen Teil der großen Walflosse. Ellen bekam den Wasserfall und die Atemwolke. Thea bekam das Plipp und den kleinen Walrücken. Leni bekam das rote Haus, die Spiegelwolken und zwei goldene Wellen.

„Und du?“, fragte Leni.

Liv tippte an ihre rote Mütze. „Ich kann morgen eine neue Karte malen. Der Fjord bleibt ja hier.“

Das Weltreiseschiff setzte sich wieder etwas schneller in Bewegung. Das tiefe Brummen kehrte zurück. Die roten Häuser glitten langsam vorbei. Ingrid musste weiterarbeiten, und Liv ging mit ihr.

„Bis bald, Leni“, sagte Liv.

„Bis bald“, antwortete Leni. „Und grüß den Fjord von uns.“

„Das mache ich ganz leise“, versprach Liv.

Als die Berge hinter dem Schiff kleiner wurden, gingen Leni, Oskar, Ellen und Thea noch nicht sofort hinein. Sie standen am Geländer und hielten ihre Kartenstreifen fest.

Der Himmel wurde rosa, dann lila, dann tiefblau. Ein erster Stern erschien über einem Schneegipfel.

„Meint ihr, die Wale schlafen auch?“, fragte Ellen.

„Bestimmt immer nur ein bisschen“, sagte Oskar. „Sonst müssten sie ja das Atmen vergessen.“

Papa nickte. „Wale ruhen tatsächlich anders als wir. Aber auch sie brauchen stille Zeiten.“

Thea gähnte. „Ich ruhe heute wie ein ganzer Wal.“

Später lag Leni in ihrem kleinen Bett in der Schiffskabine. Teddy steckte unter ihrem Arm. Der Streifen der Hörkarte lag auf dem Nachttisch neben der warmen Lampe.

Mama zog die Decke bis an Lenis Kinn. „Was war heute am schönsten?“

Leni dachte an die Walmutter und ihr Kalb. Sie dachte an die Atemwolken und die silbernen Tropfen auf der Schwanzflosse.

Dann dachte sie an alles, was davor gekommen war.

„Das Warten“, sagte sie.

Mama lächelte überrascht. „Das Warten?“

Leni formte unter der Decke die Hände zu einem Schälchen. „Es war erst leer. Aber dann kamen der Wasserfall, die Ziegen, die Möwen, das Plipp und Liv hinein. Und ganz zuletzt der Walgruß.“

Papa strich ihr über die Locken. „Das klingt nach einem vollen Tag.“

Draußen war der Fjord schon weit entfernt. Das Schiff fuhr wieder übers offene Meer. Es wiegte Leni sanft.

Wieg.

Wieg.

Wieg.

Sie schloss die Augen und lauschte noch einmal.

Brummm, machte das Schiff.

Schsch, machte das Meer.

Raschel, machte die Decke.

Ganz tief in ihrer Erinnerung hörte sie das leise Puh der Walmutter und das kleine Puh ihres Kalbes.

Leni stellte sich vor, wie beide unter einem Himmel voller Sterne durch das dunkle Wasser glitten. Über ihnen zog das Weltreiseschiff seinen ruhigen Weg. Unter ihnen lagen glatte Steine und schlafende Muscheln.

„Gute Nacht, Liv“, murmelte Leni.

„Gute Nacht, Fjord.“

„Gute Nacht, ihr Wale.“

In ihrem Traum stand auf dem Meer ein goldenes Warteschälchen. Darin lagen ein Wasserfall, drei kleine Ziegen, zwei Möwen, eine rote Mütze und ein silberner Walgruß.

Das Schälchen schaukelte ganz sanft auf den Wellen.

Und Leni schlief ein.

Ruhig.

Warm.

Und wunderbar geborgen.

Mit einem Lesecode sicherst du deinen Lesestatus auf allen Geräten.

Gute-Nacht-Geschichten für kleine Träumer

Lenis Traumwelt sammelt liebevolle Gute-Nacht-Geschichten für Kinder von etwa 2 bis 6 Jahren. Die Vorlesegeschichten sind warm, langsam und kindgerecht erzählt, damit sie gut ins Abendritual passen: zum gemeinsamen Kuscheln, zum Runterkommen nach einem langen Tag und für kleine Kinder, die vor dem Schlafen noch eine freundliche Traumreise erleben möchten.

Jede Geschichte begleitet Leni, ihren Traumstern und die Tierfreunde Luna, Fina, Pipo und Bruno auf eine ruhige Reise voller Sternenlicht, Freundschaft und sanfter Einschlafmomente. Wer gezielt stöbern möchte, findet thematische Sammlungen wie Geschichten mit Tieren, Weltreise-Geschichten und kurze Einschlafgeschichten.

Viele Erzählungen kannst du direkt auf der Seite anhören oder als EPUB und MP3 herunterladen. Gesammelt gibt es die Audio-Geschichten auf der Podcast-Seite von Lenis Traumwelt, zusätzlich auf dem YouTube-Kanal von Lenis Traumwelt und als kostenlose Ausmalbilder zum Ausdrucken.